Projektorientierter Wirtschaftsunterricht - Gründung eines Unternehmens

auf vorbild-schule.de

So geplant wie nötig, so agil wie möglich!

In der 11. Klasse, die Einführungsphase der Oberstufe kommen die Lernenden am Beruflichen Gymnasium aus ganz unterschiedlichen Schulen mit verschiedenen Schulkarrieren an. Sie haben den Zweig Wirtschaftslehre gewählt. Einige aus Überzeugung, andere aus Alternativlosigkeit! Oder nach dem Motto: Wirtschaft kann man irgendwie immer gebrauchen! Meistens erahnen sie nur, was die Wirtschaftslehre überhaupt ist. Das Fach ist für alle neu.

Und jetzt komme ich: Ich möchte, dass sie…

projektorientiert arbeiten,

…sich selber organisieren,

…über das Lernen nachdenken und wenn möglich Spaß am Lernen entdecken,

…theoretische Inhalte erarbeiten,

wissenschaftliche Texte beginnen zu lesen,

kreativ werden,

miteinander kooperieren,

…ein Team bilden,

…Ergebnisse präsentieren und

…auch noch unternehmerisch denken.

Geht nicht? Ja, vielleicht! Ich probiere es aber trotzdem.

Dieser Erfahrungsbericht beschreibt ein Projekt, dass ich in der gesamten 11. Klasse (Einführungsphase) des Beruflichen Gymnasiums in Wirtschaftslehre umsetze. Dabei gibt es unterschiedliche Phasen und Meilensteine, die ich größtenteils festlege, die Lernenden aber versuche, immer mehr mit- und selbst bestimmen zu lassen.

Überblick und Orientierung

Zur Übersicht stelle ich folgendes Plakat vor und bringe es auch immer wieder mit in den Unterricht, um den Überblick nicht zu verlieren.

Die Lernenden stehen am Anfang der Einführungsphase links unten. Ich erwarte von ihnen, einen offenen Geist, um sich auf neue Themen einzulassen. Das wiederhole ich eigentlich wie ein Mantra immer und immer wieder. Wir werden zusammen den Weg beschreiten mit dem Ziel am Horizont, nützliche Fähigkeiten zu erwerben, die sie für ihr Abitur, aber auch für ihr Studium, ihre Ausbildung oder auch Selbstständigkeit benötigen können. Unternehmerisches Denken ist als Leitidee im Kerncurriculum in Hessen (S. 20) festgeschrieben. Da die Gründung eines Unternehmens meist bei den Jugendlichen überhaupt nicht greifbar ist, verpacke ich die gesamte 11. Klasse des Beruflichen Gymnasiums in ein Projekt mit dem Ziel, ein Unternehmen zu gründen. Sie durchdenken und entwickeln eine konkrete Geschäftsidee. Dabei erhalten sie Freiheiten, dass sie lernen selbstständig zu lernen. Sie erhalten Rückmeldung von Externen und nehmen am Wettbewerb Jugend gründet teil. Im zweiten Halbjahr gipfelt das Projekt in einer Präsentation der eigenen Geschäftsidee vor Wirtschaftsvertreter*innen aus der Region.

Für die theoretische Orientierung finden sie im Lernmanagementsystem Moodle alle Inhalte nach Abschnitten sortiert. Dort leite ich sie zunächst gleichzeitig durch. Nach und nach fangen sie an, sich selber durch die Inhalte zu navigieren.

Grober Aufbau des Moodle Kurses

Die ersten theoretischen Inhalte der Volkswirtschaftslehre werden in Form einer Kurzpräsentation in Gruppen vorgestellt. Vorher zeige ich ihnen, wie man Plakate visualisiert. Alle Gruppen erstellen ein Plakat und präsentieren es einer anderen Gruppe und mir. Diese Phase ist zunächst recht traditionell.

Beispiel eines Schülerplakats

Organisation und Findung einer Geschäftsidee

Nach der theoretischen Phase nähern sich die Lernenden der Entwicklung einer Geschäftsidee an. Kreativ wird man meistens nicht auf Knopfdruck. Von daher erhalten sie von mir Impulse dazu.

Impulse im Moodle Kurs zu Geschäftsideen

Klicke hier um zu einem Beitrag zu kommen, in der ich beschreibe, wie man zu einer Geschäftsidee kommen kann.

Einen weiteren Beitrag, wie man unternehmerisch Denken lernt, kannst du hier lesen.

Wenn das Projekt langsam immer umfangreicher wird und sie erkennen, wie viel an so einer Gründung eigentlich bedacht werden muss, erstellen sie eine KANBAN Liste. Da die Lernenden diese Methode nicht kennen, braucht das Zeit. Jede Gruppe erhält ein FlipChart und viele Post-its, auf denen sie die einzelnen ToDos aufschreiben. Weiterhin legen sie fest, wer für diese ToDos verantwortlich ist und bis wann sie es erledigen wollen. Aus dem Design Thinking lasse ich die KANBAN Liste um Antworten auf die Frage ergänzen: Was wenn das Projekt scheitert, woran könnte es gelegen haben?

Zur weiteren Konkretisierung der Zielgruppe führe ich weitere Methoden des Design Thinking durch: Ideen-Zug als Brainstorming, Kurzinterview mit Zielgruppe führen, Zielgruppe als Persona darstellen.

Meilensteine

Für die meisten stellt der erste Meilenstein bereits die Kurzpräsentation mit Plakatgestaltung dar. Dies wird auch von mir bewertet und fließt als Teilnote in die Halbjahresnote ein.

Ein weiterer Meilenstein ist die Vorstellung der Geschäftsidee vor Externen und die Beratung hinsichtlich der Realisierbarkeit. Dazu lade ich Unternehmer*innen ein, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen und gegründet haben, die IHK Existenzgründer und weitere spannende Menschen, wie z.B. Sharezone oder auch eine Glücksbotschafterin, um ihnen Impulse zu geben, dass es nicht nur um Gewinnmaximierung gehen kann, wie die meisten betriebswirtschaftlichen Modelle suggerieren.

Das Projekt wird immer konkreter und erlangt einen ersten Höhepunkt in der Abgabe eines Businessplans. Dieser wird in Kooperation mit dem EDV Unterricht angefertigt. Die Kolleg*innen des EDV Unterrichts liefern die nötigen Formalien in Word und in meinem Unterricht erarbeiten wir weiter die Inhalte. Darüber hinaus nimmt jede Gruppe am Wettbewerb Jugend gründet teil, indem sie ihren Businessplan dort einreichen. Dort erhalten sie ebenfalls eine konkrete Rückmeldung.

Zwischen diesen lebendigen Erarbeitungsphasen kommen immer wieder theoretische Inputs aus der Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft und dem Handelsrecht. Alle theoretischen Inhalte werden auf ihre Geschäftsidee angewendet. Sie erhalten eine Einführung in unser E-Portfolio Mahara und erstellen die ersten Ansichten, indem sie die theoretischen Kenntnisse zusammenfassen und gegenseitig Feedback geben.

Der Höhepunkt dieses Projektes ist die Präsentation der eigenen Geschäftsidee vor Wirtschaftsvertreter*innen der Region. Dazu haben wir bisher den Ort Schule verlassen und durften einen Hörsaal eines Unternehmens nutzen. Vor einer Jury, die aus einem IHK Vertreter*in, aus einem Mitglied des Wirtschaftsfördervereins, aus Bänkern und/oder weitere Unternehmer*innen von mittelständischen Unternehmen präsentieren sie ihre Idee. Diese Erfahrung ist für sie meistens sehr wertvoll. Das Adrenalin steigt, allein dadurch, weil sie vor einer anderen Kulisse, vor ihren evtl. zukünftigen Arbeitgeber*innen ihre persönlich entwickelte Idee präsentieren. Die Preiskrönung der ersten drei Plätze lässt den Tag enden.


https://www.bs-korbach.de/index.php/aktuelles/aktuell/presseberichte/presseberichte-2019?start=30

Zurück in den Schulalltag kommen dann meist wieder theoretische Inhalte, die anschließend immer wieder an ihre Geschäftsidee angeknüpft werden. Bisher ist es mir noch nicht gelungen, eine sinnvolle Überarbeitung ihres Businessplans zu initiieren, aber daran arbeite ich noch. Wenn du Ideen dazu hast, würde ich mich freuen, wenn du sie mir mitteilst.

Reflexion

Ich bediene mich den Retros aus dem Eduscrum und probiere immer wieder neue Rückblicke und Reflexionsfragen aus. Dazu hole ich mir auf der Seite Retromat Anregungen.

Weiterhin führen meine Schüler*innen wöchentlich ein Lernjournal, indem sie folgende Fragen beantworten:

  • Was hast du dir für diese Woche vorgenommen und was hast du gemacht?
  • Was lief gut? Womit bist du zufrieden?
  • Was hast du gelernt?
  • Was lief weniger gut? Hast du schön Lösungen dafür gefunden? Wenn ja, welche?
  • Worin brauchst du noch von deiner Lehrerin Unterstützung?

Diese Fragen gelten als Leitfragen und können auch abweichen. Ich lese einmal die Woche ihre Einträge und kommentiere sie. Dazu nutzen wir eine Mahara Ansicht.

Bewertung

Leider (ja, ich schreibe bewusst leider) muss ich Noten geben. Damit diese Noten so viele unterschiedlichen Stärken berücksichtigen können und nicht nur die Klausuren (ja, auch diese muss ich leider noch schreiben) die Endnoten ausmachen, versuche ich kleinere Meilensteine zu bewerten. Dafür habe ich mir folgende prozentuale Verteilung überlegt. Diese passe ich eigentlich jedes Jahr an und probiere immer wieder neue Verteilungen.

  • 15 % aktive mündliche Beteiligung bei Plenumsphasen
  • 15 % Lernprozess dokumentieren im Lernjournal und den Checklisten
  • 5 % bearbeitete Aufgaben in Mahara Ansichten eingestellt
  • 5 % Kurzpräsentation zum theoretischen Inhalt
  • 10 % Businessplan
  • 20 % Klausur
  • 20 % Gruppenklausur
  • 10 % Moodle Test: Zufallstests aus allen Selbsttests zusammengestellt

Die erste Klausur schreibe ich auf traditionelle Art und Weise, lasse mir aber da schon in einer Aufgabe, die Geschäftsidee erklären. Die zweite Klausur schreibe ich in Form einer Gruppenklausur. Das ist immer wieder ein Highlight und so wertvoll für die Schüler*innen.

Dazu habe ich eine Podcast-Episode aufgenommen. Wer mag, hört hier rein.

Zusammengefasst möchte ich noch die Vorteile und Herausforderungen aufzeigen:

Vorteil eines Projektunterrichts:

  • Innerhalb eines gesteckten Rahmens haben die Lernenden Gestaltungsfreiheiten.
  • Sie können ihre eigenen Interessen einbringen, indem sie herausfinden, welche Probleme sie haben und welche Geschäftsidee diese Probleme lösen könnte.
  • Sie beschäftigen sich mit ihren eigenen Stärken, indem sie das ins Team einbringen, was sie gut können.
  • Die Lernende erhalten häufige Rückmeldungen durch Beratung, kurze Stand-ups und Präsentationen. Anschließend überarbeiten sie ihr bisheriges Ergebnis. Der Lernfortschritt wird dadurch sichtbar.
  • Durch die häufigen Rückmeldungen und Überarbeitungen entsteht ein anderer Umgang mit Fehlern → Aus Fehlern lernen!
  • Durch die unterschiedlichen Meilensteine können sie immer wieder neue Ziele setzen und üben, sich an ihre gesteckten Ziele zu halten.

Herausforderungen:

Auch diese Vorgehensweise des Projektdenkens muss geübt werden. Folgende Verhalten sind immer wieder zu erkennen.

  • Zu Beginn können So-tun-als-ob Verhalten dabei sein. Die Gruppe tut, als ob sie zum Thema denken, arbeiten würde. Eigentlich machen sie etwas anderes.
  • So-schnell-wie-möglich-Fertigmacher*in, d.h. sie entscheiden sich für die nächstbeste Idee und merken erst viel später, dass sie sich ein Schuljahr immer wieder damit auseinander setzen sollen. Und das mit einer Idee, die sie gar nicht mögen. Die Freude am Unterricht ist weg.
  • Auf-den-letzten-Drücker-Arbeiter*innen trödeln lange Zeit herum bis die Meilensteine immer näher rücken und sich in der Gruppe Panik ausbreitet. Die Ergebnisse leiden dabei oft an Qualität.

Auch hier gilt, aus Fehlern und eigenen Erfahrungen lernt man am besten. Für das nächste Projekt werden sie sich andere Ziele stecken. Manchmal verändern sie ihr Verhalten auch schon während des Schuljahres.

Hybrid-/Fernunterricht

Im Zeiten des Hybridunterrichts oder auch Fernunterricht kann alles wie oben beschrieben umgesetzt werden. Wir müssen uns nur mehr digitaler Medien bedienen. Hier ist eine agilere Arbeitsweise von allen gefordert. Die Externen kommen virtuell und nicht mehr real in unser Klassenzimmer. Im Rahmen von Videokonferenzen wird sich weiter über Inhalte, Herausforderungen ausgetauscht Retros durchgeführt. Ich setze dabei vermehrt auf asynchrone Kommunikation und versuche die Lernende so aktiv wie möglich in die Videokonferenzen einzubinden. Die Geschwindigkeit nimmt ab. Man muss inhaltliche Abstriche machen. Viele Lernenden brauchen in der Struktur ihres Alltages Unterstützung. Ob wir allerdings im nächsten Jahr wieder das Finale mit den Präsentationen vor den Wirtschaftsvertreter*innen hinbekommen, bleibt abzuwarten.

Welche Projekte führst du durch? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Welche Anregungen hast du für mich, das Projekt noch zu verbessern? Ich freue mich auf den Austausch mit dir.

Unterschrift Anne

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Zitat Schule
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